15/05/2019

Spätestens seit wir beschlossen haben Höhle gegen Hochhaus zu tauschen, hat sich auch in Sachen häuslicher Ästhetik so einiges getan und so kommt es, dass aus den Baumeistern vergangener Zeiten Architekten und Architektinnen der Neuzeit wurden. Doch was zählt heutzutage zum Aufgabenbereich eines Architekten? Und noch viel wichtiger: Könnten sich meine während tiefgründiger Telefonate entstandenen und auf diversen ungeöffneten Kuverts verewigten Entwürfe doch noch auf ein Level hieven, auf welchem sie Architektenherzen höher schlagen lassen?

Alles auf einen Blick

Bei Architektin Irene bin ich mit dem Stillen meines Wissensdurstes an der richtigen Adresse. Dieses befindet sich übrigens auf einem schönen Wiener Platz, wo sich die sympathische Dame mit einem Architekturbüro selbstständig gemacht hat. Bei unserem Treffen wirkt sie sehr entspannt. Mails hätte sie heute schon nach neuen Aufträgen gecheckt, meint sie zufrieden. In ihrem Büro lässt sie kritisch ihren Blick schweifen und meint: „Ich weiß. Es gibt hier sehr viel zu sehen. Manchmal arbeite ich an verschiedenen Projekten gleichzeitig, die sich auf keinen Fall meinem Blick entziehen dürfen. Das reicht von Entwurfszeichnungen über Konzeptentwicklungen bis hin zu Bauplänen, die ich manchmal aber und abermals einsehe. Als Architektin muss ich einfach perfektionistisch sein.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt

„Nun gut. Eine gesunde Portion Perfektionismus hat ja noch niemandem geschadet“, denke ich mir während ich bemerke, dass mir diese auch nicht schaden würde. Dann kehre ich nach einem schönen ersten Kennenlernen zu meinem gedanklichen Fragenkatalog zurück. „Was stand auf dem doch gleich noch mal? Genau! Muss man als Architektin gut zeichnen können? Und was sind die ersten Schritte eines Entwurfes?“ Mehr als gewillt meine Fragen zu beantworten zeigt mit Irene am Flipchart, wie Entwürfe im Groben entstehen. Sie zeichnet so schnell, mit so einer Routine, dass ich aus dem Staunen kaum heraus komme. „Je nachdem wie weit das Projekt schon fortgeschritten ist, zeichne ich auch am Computer“, erklärt sie, während ihre skizzenhafte Meisterleistung Form annimmt. „Generell schadet es natürlich nicht, über zeichnerische Fähigkeiten zu verfügen“, geht sie näher auf meine Frage ein. „Das bedeutet nicht, dass man atemberaubende Porträts anfertigen muss oder Stillleben neues Leben einhauchen muss. Man sollte allerdings schon in der Lage sein parallele Linien zu zeichnen und räumliche Darstellungen zu entwickeln.“ Nachdem ich dank dieser Erkenntnis mein Ziel doch noch Architektin zu werden wieder in nächster Nähe verspüre, frage ich noch nach, ob man in diesem Beruf eigentlich viel Zeit im Büro verbringt. Genau in diesem Moment geht dessen Tür auf. Ein Pärchen, das sich endlich den Traum des eigenen Hauses verwirklichen möchte, tritt ein. 

Einen Grundstein legen

„Dass man als Architektin nicht nur mit Stift, Stein und Papier zu tun hat, war mir irgendwie klar“, rattert es in meinem Kopf, während Irene den Plänen ihrer Kunden Gehör schenkt. Da das Gespräch noch anzudauern scheint, sinniere ich über meine bisherigen Vorstellungen dieses Berufsbildes weiter und so zeichnen mir meine Überlegungen ein immer genaueres Bild von einem Job, in dem man durch das Schaffen von Raum den Grundstein für unzählige Erlebnisse und Begegnungen im Leben von Menschen legt. „Was denn ihr persönliches Traumhaus wäre?“, frage ich Irene, nachdem ihr Termin zu Ende ist. Lachend erwidert sie, dass es dieses für sie wohl nie geben wird. „Als Architektin wird einen das
Haus, in dem man lebt, immer unglücklich machen. Das liegt wohl an den unzähligen Möglichkeiten, die es gibt, Raum zu gestalten“, sagt sie etwas nachdenklich. „Für mich“, meint Irene „ist das perfekte Zuhause jenes, wo nicht nur ich mich wohlfühle, sondern auch meine Freunde und meine Familie. Da ist mir dann egal, dass mir die Schiebetür zum Balkon dann doch besser in einer Birkenholzverkleidung als in gebrochenem Milchglas gefallen hätte.“

Wenn die Wahl zur Qual wird

Während ich versuche, mir Irenes Sicht der Dinge zu verbildlichen bemerke ich, dass ich zwar weiß, was eine Birke ist, jedoch keine Ahnung habe, wie ich mir gebrochenes Milchglas nun tatsächlich vorstellen soll. So erzählt sie weiter, dass einem die eigenen Ideen auch nicht immer zu wichtig sein dürfen, wenn es um Aufträge geht. Denn dies führe dazu, dass man weniger bekomme. Auch nach vielen Jahren muss sie sich immer noch um diverse Projekte bemühen und oftmals muss sie sich alleine gegen große Firmen durchsetzen. „Das ist nicht immer leicht“, merkt sie an, während ihr Gesichtsausdruck etwas ernster wird.  

Eigene Ideen in die Welt setzen

Trotzdem könnte sich Irene keinen anderen Job vorstellen. Und obwohldie handwerkliche Beschäftigung und ästhetische Auseinandersetzung mitgebauten Raum lange Zeit ausschließlich Männern vorbehalten war, fühlt sie sich, genauso wie eine Vielzahl anderer Frauen, die in den letzten anderthalb Jahrhunderten wichtige Maßstäbe für die moderne Architektur gesetzt haben, in ihrem Berufsfeld pudelwohl. An diesem Punkt fällt mir ein, ich Irene trotz imaginärem Fragekatalog noch nicht gefragt habe, was ihr letztendlich am besten an ihrem Job gefällt. Etwas überrascht bekomme ich zu hören, dass es die Momente sind, in denen sie sich manchmal immer noch so fühlt, als müsse sie sich als Frau beweisen. „Baustellenbesuche“, meint die Architektin „sind die Momente, die mir ein unbeschreibliches Gefühl von  Zufriedenheit geben. Denn bei ihnen wird mir unweigerlich vor Augen geführt, was ich dank meines Jobs eigentlich mache: ich plane und konzeptioniere. Doch vor allem mache ich eines: ich schaffe Raum zum und fürs Leben. Dadurch genieße ich mit jedem Auftrag das Privileg ein klein wenig meiner Visionen und Ideen auf unserer Welt zurückzulassen. Etwas Besseres gibt es für mich eigentlich nicht.“ Leicht gerührt und stark beeindruckt bedanke und verabschiede ich mich von der Architektin. Am Weg nach Hause denke ich zwar bereits darüber nach, welchen Seeanoli Gastgeber ich als nächstes besuchen möchte, dennoch weiß ich, dass mich die Gedanken darüber, was ich eigentlich auf unserer Erde zurück lassen möchte, noch länger begleiten werden.