04/06/2019

Die Frage nach dem Wesen der Schönheit ist seit Beginn unserer Zeit treuer Begleiter unseres menschlichen Daseins. Doch wo Antworten auf Fragen anderer Art Erkenntnisse lieferten, die Zivilisationen aufblühen ließen, blieben viele andere Überlegungen offen. So auch das Phänomen ästhetischen Empfindens, welches nach wie vor nicht vollständig ergründet ist und uns bis heute beschäftigt.

Auf meiner persönlichen Suche nach neuen Erlebnissen und Erkenntnissen habe ich beschlossen, mich genau dieser Überlegung ein zweites Mal in meinem Leben zu widmen und somit gedanklich an meine Studienzeit anzuknüpfen, während welcher meine erste tiefere Auseinandersetzung mit der Frage, ob es etwas wie ein von anderen Faktoren unabhängiges Empfinden von Ästhetik gibt, stattgefunden hat.

Heute frage ich mich also erneut: „Wen oder was finden wir aus welchen Gründen schön? Oder eben eben nicht? Warum bin ich doch meistens mit meinem Körper zufrieden, auch wenn ich mir schon öfter das Aussehen einer anderen Person erträumt habe?“

Gesucht, gefunden

„Welcher Seeanoli Gastgeber wäre thematisch für mein Vorhaben, diese zu ergründen, besser geeignet als ein Model, überlege ich, während ich die nächsten Schritte meines Ausflugs in die Welt der Ästhetik plane.
So höre ich nicht auf, mich zu fragen, warum es uns anscheinend so wichtig ist, wie wir aussehen, dass eine ganze Industrie dieses Anliegen befeuert, sondern möchte auch wissen, wie es sich anfühlen muss, wenn man sein Leben mit dem eigenen Aussehen finanziert.
Jemand der so gut über die Macht seines Aussehen Bescheid weiß, dass er damit zahlreiche Jobs an Land zieht, ist Daniel. Er arbeitet als Model und Fotograf. Jene beeindruckenden Synergie verschiedener Talente steigert nicht nur seinen Bekanntheitsgrad in unterschiedlichen Bereichen, sondern ermöglicht Daniel die von ihm so sehr geschätzte Freiheit, sein Leben und dessen Rhythmus frei bestimmen zu können.
„Doch wie sieht eigentlich Daniels Sicht der Dinge aus? Wie gestaltet sich nicht nur sein Look, sondern auch seine Gedankenwelt“, frage ich mich. „Was denkt er über den Beruf eines Models, warum übt er diesen aus und wie würde er sich eine Welt ohne jegliche Vorstellung von Schönheit ausmalen?“

Ein Tag in einem anderen Leben

Nach einem angenehmen Telefonat vereinbare ich nicht nur einen Tag in Daniels Leben, sondern auch gleich ein Treffen in der Innenstadt. Das Programm hätte kein besseres sein können. Nachdem mir Daniel erzählt, dass bei ihm alles immer nur mehr oder weniger geplant ist und Termine oft unerwartet reinkommen, schließe ich darauf, dass es sich, was den Termin betrifft, um einen glücklichen Zufall handeln muss.

Und auch wenn ich nicht an diesen glaube, bin ich höchsterfreut und eigentlich auch ziemlich aufgeregt, als ein Shooting mit einem befreundeten Fotografen ansteht. „Diese sind für mich sehr wichtig, da ich wieder neue Fotos für meine Social Media Kanäle brauche. Dank dieser kann ich meine Internetpräsenz stärken und hoffentlich bald wieder in spannenden Kooperationen mitwirken“, klärt mich Daniel über die Bedeutung von Shootings für seine Karriere auf.

Und auch wenn mein Tag im Leben des Models erst begonnen hat, so hat sich für mich dank seiner angenehmen Offenheit bereits herauskristallisiert, dass das, was so mancher als absoluten SuperGAU bezeichnen würde, Daniel ein unbeschwertes Gefühl von Leichtigkeit verleiht: so weiß er manchmal beim Aufstehen noch gar nicht, was tagsüber alles passieren wird. Und das findet er gut so.

Beim Shooting merkt man Daniel an, dass er schon viel Erfahrung vor der Kamera hat. Für mich ist es toll zu sehen, wie jemand sein Potential verwirklicht und dabei einen Riesenspaß zu haben scheint. Und auch wenn Daniel seine Gesichtszüge professionell im Griff zu haben scheint, entweicht ihm bei bei der scherzhaften Aufforderung „Po rein, Bauch raus!“ doch ein herzhaftes Lachen.

Ein Blick ins Innere

Später werde ich mich auch kurz fotografieren lassen und ein paar Posen ausprobieren. „Ob ich mich vor der Kamera wohl fühlen werde?“, schießen erste Zweifel in meinen Kopf. Mein nachdenklicher Blick scheint mehr als tausend Worte zu sagen und so versucht Daniel mich zu beruhigen.  Er meint, dass Fotografie deshalb etwas Besonderes wäre weil sie nicht nur dazu in der Lage ist, Äußeres abzulichten, sondern auch Inneres zum Vorschein zubringen. „Gelungene Fotos haben viel mit deinem persönlichen Gemütszustand zu tun. Im Grunde ist es schwer, Gefühle oder Befindungen vor der Kamera zu verstecken. Je entspannter du bist, desto leichter wird’s“, rät mir Daniel, während er bereits wieder eine neue Pose eingenommen hat und nicht bemerkt, dass ich nun weitaus nervöser als zuvor bin.

Nachdem auch ich mich vor die Kamera getraut habe und mich sehr freue, dass das ein oder andere Profilfoto dabei entstanden ist, schlägt Daniel – spontan wie er ist – vor zum Ausklang des Tages noch auf einen Kaffee zu gehen. Und auch wenn ich eigentlich schon für ein Bier bereit gewesen wäre, sage ich gerne zu. Dass er keinen Alkohol trinkt und ihm körperliche Fitness sehr am Herzen liegt, hängt natürlich mit seinem Job als Model zusammen, plaudert Daniel aus dem Nähkästchen. „Begonnen regelmäßig Sport zu machen habe ich eigentlich deswegen, weil ich früher nicht ganz zufrieden mit meinem Aussehen war und es auch heute manchmal nicht bin“, gibt Daniel über sich preis. Model sei er geworden, da er selbst gerne fotografiere und ihn befreundete Fotografen ermutigt haben, sich auch mal vor der Kamera zu beweisen. Da ihm auch dies Spaß gemacht hat, hat er sich nicht für eine der Tätigkeiten entschieden, sondern ist bei beiden geblieben.

Was wäre wenn

Was seine Meinung bezüglich der Frage nach der Schönheit wäre, frage ich gespannt nach und weiß nicht, ob ich tatsächlich mit der „Was wäre wenn es sie nicht gäbe“- Frage herausrücken soll. Schließlich frage ich aber trotzdem nach. Ohne langes Zögern meint er, dass jeder das schön oder ästhetisch bereichernd finden könne, was er möchte. „Man sollte Äußerlichkeiten jedoch nicht all zu viel Bedeutung zukommen lassen. Ich sehe diese als etwas, das uns Menschen im Leben oftmals plagt, das wir aber auch nicht missen wollen. Denn Unterschiede zu suchen und Vergleiche anzustellen scheint nicht nur, sondern liegt tatsächlich in unserer menschlichen Natur“, fügt er hinzu. Deswegen ist Daniel auch davon überzeugt, dass wenn es weder schön noch hässlich gebe, man zwar niemanden aufgrund seines Aussehens bevorzugen oder benachteiligen könnte, unsere Spezies allerdings mit hundertprozentiger Sicherheit andere Kriterien der Andersartigkeit zwischen uns kreieren würde.

Gerade weil ich mit dieser Sicht der Dinge nicht gerechnet habe, bin ich froh und überrascht, sie von jemandem, der in einer auf Schönheit basierenden Branche tätig ist, gehört zu haben. Und dass auch dieser jemand nicht immer ganz zufrieden mit seinem Aussehen ist, führt mich zu dem Schluss, dass man das auch eigentlich nicht ständig sein muss.